Dylan-Fan in drei Schritten

Bewegende musikalische Archäologie der Dylan-Night-Band

Badische Zeitung,02.04.2012  Fotos:Achim Keller www.seitenverkehrt.de

LAHR. Mit einem fantastischen Lehrstück in Sachen musikalische Archäologie hat die Dylan-Night-Band in der Lahrer Live-Schicht jetzt aufgewartet: Zurück zu Bob Dylan in drei Schritten.

Schritt eins: Hör nicht auf dein Musik-Gedächtnis, das dir einflüstert: Dylan? Ist doch nix für nen ganzen Abend – zu monoton, zu deprimierend, zu politisch.

Schritt zwei: Schau dir die drei Typen an, die sich da vorne aufgebaut haben. Rechts, ein bisschen schüchtern an die Wand gedrückt, der Jüngste im Bunde: Jonas Birthelmer, der schon äußerlich wie die jugendliche Neuausgabe des echten Dylan ausschaut. Krauses Haar, akustische Gitarre lässig umgehängt, in Mundhöhe das Gestell für die diversen Harps. Im Gegensatz zum richtigen Bob beherrscht Birthelmer sogar die Kunst der Konversation mit dem Publikum. Er gibt punktuell Informationen zu den Liedtexten und beschreibt seine eigenen Erfahrungen mit den Songs. Seine Performance entspricht dann wieder dem, was man von Dylan im Hinterkopf hat: in sich gekrümmte Körperhaltung, sein Ausdruck introvertiert, der Blick wie abwesend ins Weite gerichtet. A propos singen: hier spürt man, dass sich der junge Mann redlich bemüht, seinem Idol gerecht zu werden. Genauestens hat er sich mit Mimik und Gestik vertraut gemacht, bringt die Texte und Melodien originalgetreu schleppend-konvulsiv heraus, übernimmt mal den höheren, mal den tieferen Part der Gesangsstimmen, macht seine Sache wirklich super. Klingt aber oft einen Tick zu klar, zu clean. Das für Dylan typische, leicht verwaschene, mit viel Lebens-Patina belegte Timbre aber, das bringt der zweite Frontmann, Hajo Lorenz, authentisch hin. Er bedient auch die E-Gitarren (inklusive einer Hawaiigitarre) mit routinierter Sicherheit. Im Hintergrund schließlich tupft Thomas Lipps sein Kontrabass-Monstrum, schließt beim Spielen genießerisch die Augen und scheint beim “sadest song ever”, dem abschiedstraurigen “Farewell Song” fast gegen die Tränen ankämpfen zu müssen.

Schritt drei: Lehn dich zurück, hör zu – und du erlebst die Überraschung des Abends. Findest rein in die Welt der Protestsong-Ära der späten 60er Jahre, spürst den Druck von Weltschmerz ums Herz herum, erlebst die privaten Katastrophen mit, tauchst ein in das wellenförmige Kommen und Gehen der Textzeilen, die anschwellende Dynamik der Melodien, lässt dich fallen, fühlst dich zu Hause in diesen längst vergessen geglaubten Songs, die einfach nur eines sind: wunderschön!

 

 

 

 

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